Vermissen, ohne sich zu verlieren

Letzte Woche ging es darum, dass mein Freund für sechs Tage mit seiner Uni ins Ausland gefahren ist.

 

Sechs Tage.

Für die meisten Menschen ist das ungefähr so aufregend wie ein verlängertes Wochenende.

 

Für mein overthinking- liebendes Gehirn bedeutete das eine unendlich lange Zeit mit mindestens 50 möglichen Katastrophenszenarien.

Ich fühlte mich ungewollt direkt gestresst und verängstigt. 

 

Darüber,

dass ihm etwas passiert.

dass er mich vermisst, aber auf eine andere Art.

dass er dort jemanden kennenlernt.

dass sechs Tage plötzlich viel länger werden als sechs Tage.

 

Und obwohl ich genau wusste, dass mein Kopf mich malwieder belügt, waren die Gefühle trotzdem da.

Ich wollte mich aber nicht von ihnen leiten lassen.

Nicht diesmal.

 

Also habe ich kurzerhand einen Entschluss gefasst, habe mir Urlaub genommen und bin mit meiner besten Freundin auf einen Girlstrip nach München gefahren.

Und vielleicht war genau das die beste Entscheidung, die ich in dieser Stuation hätte treffen können.

 

Natürlich habe ich an ihn gedacht.

Immer wieder.

Bei manchen Dingen dachte ich: Das würde ihm gefallen.

Bei anderen: Das muss ich ihm erzählen.
Und zwischendurch gab es natürlich auch die „Was macht er wohl gerade?“-Momente.

 

Aber der Unterschied war: Ich habe mich nicht davon einnehmen und runterziehen lassen.

Ich konnte ihn vermissen, ohne dass dieses Vermissen plötzlich den ganzen Tag übernommen hat.

 

Und während mein Kopf anfangs noch ziemlich beschäftigt damit war, herauszufinden, was mein Freund wohl gerade macht, war ich dann ja doch damit beschäftigt herauszufinden, was wir als nächstes unternehmen wollen.

 

Wir sind durch die münchner Altstadt geschlendert, haben geshoppt, viel zu viele Schritte gesammelt und wahrscheinlich auch viel zu oft gesagt: „Lass uns da noch kurz reingehen.“

 

Wir waren im Park und haben den Surfern an der Eisbachwelle zugeschaut.

Haben richtig gutes Essen gegessen.
Haben geredet und viel gelacht.
Uns einfach durch die Stadt treiben lassen.

 

Und plötzlich habe ich gemerkt:

Ich denke gerade gar nicht darüber nach, was mein Freund macht.

Nicht, weil er mir egal ist oder es mich nicht interessiert.

Sondern weil ich gerade einfach hier war.

Mit meiner besten Freundin.


In diesem Moment.
In meinem eigenen Leben.

 

Zum Abschluss haben wir noch eine Hop-on-Hop-off-Bustour gemacht

Irgendwie hat das perfekt zu diesem Trip gepasst.

Einsteigen. Aussteigen. Weiterfahren. Schauen, wo man landet.

 

Genau das wünsche ich mir auch für meinen Kopf.

Nicht alles kontrollieren.
Nicht jede mögliche Situation vorher durchspielen.
Nicht ständig wissen müssen, was als Nächstes passiert.

Einfach mal einsteigen und schauen.

 

Und genau das habe ich in diesen Tagen gelernt.

 

Ich muss nicht aufhören, jemanden zu vermissen, um eine gute Zeit haben zu können.

Ich darf jemanden lieben und trotzdem mein eigenes Leben leben.

Ich darf jemanden vermissen und gleichzeitig versuchen Spaß zu haben.

 

Vielleicht ist Vermissen gar nicht das Problem.

Gerade die Momente, in denen wir jemanden besonders vermissen, können eine gute Gelegenheit sein, uns selbst ein bisschen besser kennenzulernen.

 

Was macht mir Freude, ganz unabhängig von anderen?

Womit kann ich meine Zeit füllen, ohne darauf zu warten, dass jemand zurückkommt oder Zeit für mich hat?

 

Manchmal muss man jemanden ein kleines Stück loslassen, um wieder ein bisschen mehr bei sich selbst anzukommen.

 

Und vielleicht ist das die eigentliche Kunst am Vermissen:

Eben nicht weniger zu fühlen.

Sondern weiterzuleben.