Lock in: Wird jetzt plötzlich jeder zur besten Version seiner selbst?

Es ist, glaube ich, kein Geheimnis mehr, dass ich gerne und viel auf Instagram unterwegs bin.

Ich scrolle mich durch zahllose Reels, lasse mich vom Leben anderer inspirieren und bleibe manchmal auch etwas länger hängen, als ich eigentlich wollte.

 

Wenn es dir ähnlich geht, bist du bestimmt schon über den sogenannten „Lock-in“-Trend gestolpert.

 

Falls nicht: In den Videos geht es darum, die letzten beiden Monate des Jahres bewusst zu nutzen, um die beste Version seiner selbst zu werden.

Die ganz Verbissenen haben damit schon Anfang Oktober gestartet.

Es geht um Morgenroutinen, Skincare, tägliche Schrittziele, Sport, ausreichend Wasser, Lesen und Lernen.

 

Kurz gesagt: eine komplette Generalsanierung des eigenen Lebens in gerade einmal zwei Monaten.

 

Obwohl diese Videos oft unglaublich ansprechend aussehen und auf den ersten Blick durchaus motivierend sein können, haben sie für mich einen faden Beigeschmack.

Denn ich frage mich: Wie viel davon ist eigentlich echt?

 

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass das Leben, das uns manche Influencer auf Social Media zeigen, nicht unbedingt mit ihrem tatsächlichen Alltag übereinstimmt.

Vieles ist inszeniert, perfekt ausgeleuchtet und bis ins kleinste Detail durchgeplant.

Letztens habe ich ein Video gesehen, in dem eine Creatorin in einer Art nachgebautem Badezimmer gefilmt hat, weil ihr das echte nicht ästhetisch genug war. Natürlich muss auch jeder Videohintergrund zum vermeintlich perfekten Leben passen.

 

Neben der Frage, wie viel von diesem perfekten Alltag überhaupt der Realität entspricht, beschäftigt mich noch etwas anderes:

Wie soll ich all diese Dinge bitte in meinen ohnehin schon vollen Alltag integrieren?

 

Es gibt einfach Tage, an denen man nach einem langen Arbeitstag, einer überfüllten U-Bahn oder einem nervenaufreibenden Stau auf der Autobahn keine Lust mehr hat, noch zehn weitere Punkte auf seiner To-do-Liste abzuhaken.

Manchmal möchte man einfach mit Freunden essen gehen oder sich unter eine Kuscheldecke legen und einen Film schauen.

 

Und ganz ehrlich: Das sollte auch völlig in Ordnung sein.

Ich finde, genau hier liegt die Gefahr des Trends.

 

Wenn wir uns plötzlich vornehmen, 15 zusätzliche Aufgaben in unseren ohnehin schon vollgepackten Tagesablauf zu quetschen, setzen wir uns selbst enorm unter Druck.

Und wenn wir dann nach ein paar Tagen feststellen, dass wir nicht alles schaffen, fühlen wir uns womöglich noch demotivierter als vorher.

Das wäre so schade!

Schließlich sollte es sich gut anfühlen, an sich selbst zu arbeiten und etwas verändern zu wollen.

Es sollte nicht dazu führen, dass wir noch mehr an uns zweifeln oder das Gefühl bekommen, nicht gut genug zu sein.

 

Ich finde, dass der Lock-in-Trend eigentlich eine gute Intention hat, in seiner Umsetzung aber ein ziemlich verzerrtes Bild vermittelt.

 

Es geht nicht darum, möglichst viele Gewohnheiten gleichzeitig zu verändern oder innerhalb von acht Wochen ein komplett neuer Mensch zu werden. Vielmehr sollte Qualität vor Quantität stehen!

Und trotzdem glaube ich, dass man aus dem Trend einiges mitnehmen kann.

 

Die letzten beiden Monate des Jahres können nämlich durchaus eine gute Gelegenheit sein, sich Gedanken darüber zu machen, welche Gewohnheiten man im neuen Jahr gerne realisieren möchte.

Vielleicht möchtest du regelmäßiger Sport machen, mehr lesen, bewusster mit deiner Screentime umgehen oder dir einfach wieder mehr Zeit für dich nehmen.

 

Das Schöne daran: Du musst nicht bis zum 1. Jänner warten!

 

Routinen entstehen schließlich nicht von heute auf morgen. Sie brauchen Zeit, Wiederholung und manchmal auch ein bisschen Überwindung, bis sie sich ganz in unseren Alltag integrieren.

Warum also nicht schon im November damit anfangen?

So kannst du das neue Jahr bereits mit einer kleinen Veränderung starten, die sich bis dahin schon ein bisschen eingespielt hat.

 

Mein Tipp an dich: Such dir eine Sache aus, die du bis zum 1. Jänner 2027 gerne beginnen oder verändern möchtest.

Und dann fang einfach an.

 

Du möchtest mit dem Journaling beginnen? Dann kauf dir nicht erst ein neues Notizbuch.

Nimm einfach das Material, das du bereits zu Hause hast, und leg los.

Probiere auch unterschiedliche Uhrzeiten aus. Vielleicht fühlt sich das Schreiben am Morgen für dich viel besser an als das Reflektieren am Abend. Oder genau umgekehrt.

Finde heraus, was in deinen Alltag passt, und nicht, was in einem Instagram-Reel besonders ästhetisch aussieht.

 

Ob du beim Lock-in-Trend mitmachst oder nicht, bleibt natürlich dir überlassen. Vergiss dabei nur nicht: Es ist dein Leben und dein Tempo. Es gibt kein richtig oder falsch und du musst niemandem beweisen, wie diszipliniert oder produktiv du sein kannst.

 

Und ganz wichtig: Du musst nicht erst eine bessere Version deiner selbst werden, um mit dir zufrieden sein zu dürfen.

Jeder kleine Anfang zählt. Und wer überhaupt anfängt, hat schon etwas gewonnen!

 

Happy Locking in!