Ehe ich mich versehe ist es wieder so weit und die Erinnerungen an Mutter- und Vatertag flattern wieder in meine Inbox. Diese kann man mittlerweile zwar pausieren, im echten Leben gibt es aber keine so einfache Lösung.
Als Kind haben sich diese Tage einfach angefühlt.
In der Schule haben wir gemeinsam Geschenke gebastelt, Karten bemalt, Gedichte auswendig gelernt und versucht, unsere Handabdrücke möglichst schön auf Papier zu bringen.
Damals hatte ich das Gefühl, dass es genau darum geht:
Eine kleine Aufmerksamkeit.
Ein kleines Geschenk um zu sagen: „Ich hab dich lieb!“
Leider wurde mir bald klar, dass diese Tage für Erwachsene deutlich komplizierter sind.
Denn je älter ich wurde, desto häufiger hatte ich das Gefühl, dass dieser Tag gar nicht nur zwischen Elternteil und Kind stattfindet.
Es geht um Erwartungen.
Darum, wer zuhört und den Anderen gut kennt.
Darum, wer an was gedacht hat.
Und darum, wer nicht.
Wir sind gemeinsam mit meinem Vater in die Bäckerei gefahren, um Frühstück zu besorgen, obwohl meine Mutter in der Früh eigentlich nichts isst. Wir haben kleine Kuchen besorgt, die sie eigentlich nicht so gerne mag. Und das wars.
Ich erinnere mich an dieses unangenehme Gefühl, als ich mehr und mehr gemerkt habe, dass sich mein Vater nicht wirklich um Muttertag gekümmert hat.
An die Schuld, die ich empfunden habe, obwohl ich selbst ein Kind war.
Und gleichzeitig erinnere ich mich an die Wut.
Die Wut darüber, dass ich den Frust meiner Mutter abbekommen habe, obwohl ich mit der eigentlichen Situation überhaupt nichts zu tun hatte.
Als Kind versteht man Mental Load nicht.
Man merkt nur, dass etwas in der Luft liegt.
Dass jemand enttäuscht ist.
Und dass man verzweifelt versucht, diese Enttäuschung irgendwie auszugleichen.
Ich habe mir mit meinen Geschenken immer viel Mühe gegeben. Bestimmt auch deswegen, weil ich die Enttäuschung meiner Mutter verhindern wollte.
Und trotzdem blieb oft das Gefühl zurück, dass es nie genug war.
Dass ich nie genug war.
Nicht, weil meine Geschenke schlecht, oder ich Fehl am Platz war, sondern weil das eigentliche Problem nie etwas mit meinen Geschenken zu tun hatte.
Dass sich meine Eltern getrennt haben, hat die Situation nicht wirklich verbessert.
Mein Vater lernte eine neue Frau kennen und plötzlich hieß es für mich, dass ich nun auch sie an Muttertag nicht enttäuschen durfte. Die neuen Partner meiner Mutter haben sich nicht wirklich um Vatertag geschert. Ob wir mit ihnen gemeinsam Muttertag organisiert haben, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr.
Ein besonderes Erlebnis, was meine Sicht auf das Ganze noch mehr geändert hat, war, als ich gemeinsam mit meinem Freund seine Mutter an Muttertag besucht habe.
Es ist die ganze Familie gekommen, um gemeinsam ein großes Frühstück vorzubereiten.
Es gab keinen Streit über unerfüllte Erwartungen.
Es gab kein Geschrei oder Tränen.
Stattdessen gab es Gespräche über besondere Kindheitserinnerungen und die geschenkten Blumen wurden in die Mitte des Tisches gestellt.
Seine Mutter hat sich sehr darüber gefreut, dass alle gekommen waren, und Kleinigkeiten für das Frühstück mitgebracht hatten. Sie hat sich über die Geschenke gefreut und man hat bei jedem einzelnen Geschenk gemerkt, wie gut sie ihre Familie kennt und wie sehr sie geschätzt wird.
Das war total neu für mich, da ich so etwas noch nie erlebt hatte.
Für mich bedeuteten diese Tage Stress und Verantwortung und ich wurde immer wütender darüber, wie man so einen großen Mental Load einfach auf ein Kind abwälzen kann.
So geht es auch meiner Schwester, mit der ich meistens gemeinsam versuche, etwas für Vatertag auf die Beine zu stellen. Mit meiner Mutter hat sie keinen Kontakt mehr, was dazu geführt hat, dass ich nun alleine für das Ganze verantwortlich bin.
Heute bin ich erwachsen.
Und ehrlich gesagt bin ich von Muttertag und Vatertag meistens eher genervt.
Nicht von meinen Eltern, sondern von dem ganzen Drumherum.
Von der Verpflichtung.
Von der Frage, was man schenken soll.
Von dem Druck, an alles zu denken.
Von den Werbungen, die Wochen vorher beginnen und einem erklären wollen, wie Liebe auszusehen hat.
Und trotzdem mache ich mit.
Weil ich meine Eltern liebe.
Weil ich zeigen will, dass ich anders bin.
Dass ich zuhöre und sie sehe.
Dass ich weiß, was sie gerne haben.
Und vielleicht auch, weil ein Teil von mir noch immer Angst hat, jemanden zu enttäuschen.
Vielleicht ist genau das mein Zwiespalt mit Muttertag und Vatertag.
Ich befinde mich zwischen der Liebe zu meinen Eltern, und der bloßen Wut darüber, immer noch das Gefühl vermittelt zu bekommen, nie genug zu sein.
Ich möchte diesen Beitrag nutzen, um allen, die in einer ähnlichen Situation sind, zu sagen:
Du bist gut genug!
