Karriere: kompliziert

Wir verbringen einen sehr großen Teil unseres Lebens mit Arbeit.

Sie nimmt einen so großen Teil ein, dass sie einen fast zur Gänze verschlingt.

Sie wird zu Erfüllung. Sinn. Identität. Gesprächsstoff auf jeder Feier.

„Und, was machst du so?“

Als würde die Antwort darauf erklären, wer man wirklich ist.

 

Doch arbeiten allein reicht nicht aus. Es muss die richtige Karriere gefunden werden!

Jeder will doch Karriere machen, oder?

 

Doch es gibt so viele Möglichkeiten.
So viele Wege.
So viele Karriereleitern.

 

Ich persönlich finde das Wort „Karriereleiter“ sehr eigenartig. Es impliziert, dass es ein Ende der besagten Karriere gibt, ein Ende der Weiterentwicklung, ein Ende des Lernens. Doch ist das wirklich der Fall? Kann man das Ende der Leiter erreichen? Und was passiert dann? Hat man dann alles Erstrebenswerte im Leben erreicht?

 

Zudem plagt mich auch immer wieder die Frage: Was, wenn ich auf der falschen stehe?

Oder schlimmer: Was, wenn ich oben ankomme und merke, dass ich da gar nicht sein will?

 

Ich habe lange gedacht, ich müsste nur die richtige Richtung finden.
Den einen Job, der sich zu 100 % richtig anfühlt.
Dann wäre alles klar. Dann wüsste ich, welche Leiter die richtige für mich ist.

Aber je mehr ich gesucht habe, desto mehr habe ich gemerkt, dass der Druck genau durch eben diese Suche ausgelöst wird.

 

Ich bin gerade in einem Job, der mir gefällt.

Aber er ist nicht mein Traumjob.

Traumjob?

 

Ich mag dieses Wort einfach nicht. Es ist mit so vielen Erwartungen verbunden und die Suche danach quält mich schon sehr lange. In jedem Meeting, in dem ich sitze, bei jeder Träne, die bei einem gescheiterten Karriereschritt rollt, bei jedem Streit über Abläufe oder fehlende Kommunikation wird es mir klarer:

 

Ich habe keinen Traumjob!

Denn mein Traum ist es nicht, mich nur durch meinen Job zu definieren.

Wofür stehe ich außerhalb der Core Hours?

Was macht mich aus?

 

Ich finde, das wahre Ich der Menschen liegt nicht in ihrer Arbeit oder darin, auf welcher Sprosse der Karriereleiter sie sich gerade befinden. Man kann einen Menschen nur kennenlernen, wenn er von der Leiter wegtritt, wenn er andere Gesprächsthemen als jene über die Arbeit findet. Wenn er leuchtende Augen bekommt, sobald er über Familie, Freude, Hobbys oder Reisen spricht.

 

Ich verstehe nun langsam, dass Arbeit nicht alles sein muss, um genug zu sein.

Vielleicht darf Arbeit einfach ein Teil sein.

Ein definitiv wichtiger Teil, keine Frage, aber eben nicht der einzige, der definiert, wer man ist.

 

So entsteht ein schwammiger Raum zwischen Job, Gedanken, Zweifeln und dem Rest des Lebens.
Etwas, das mehr mit einem selbst zu tun hat als jede Karriereleiter.

Nun beginnt die echte Aufgabe des Lebens: Sie besteht nicht in der Suche nach der perfekten Leiter, sondern in der Suche nach dem, womit dieser Raum gefüllt werden kann.

 

Wer bin ich, wenn Karrieren keine Rolle spielen?

Karriere: kompliziert.